Rabbi Amram
Dieser höchst gelehrte Rabbi war geboren zu Mainz im 13. Jahrhundert und wohnte in Köln, wo er eine hohe jüdische Schule stiftete, welcher er vorstand und die er durch seine weithin bekannte Gelehrsamkeit und Frömmigkeit in guten Ruf brachte. Während einer heftigen Krankheit äußerte er bei seinen Schülern den Wunsch, im Falle seines Ablebens neben seinen Eltern in Mainz begraben zu werden. Auf die Vorstellung der Schüler, daß dies nicht ohne Gefahr geschehen könne, ordnete er folgen des an: »Wenn ich gestorben bin, so reinigt mich, legt mich in den Sarg, stellt ihn auf ein Schifflein auf den Rhein und laßt es gehen wohin es will « Als er gestorben war, wurde sein Wunsch erfüllt und das Schiff ohne Führer den Rhein aufwärts bis gegen die Stadt Mainz getrieben; als hier die Leute nach dem Schiff griffen, um es ans Land zu ziehen, trieb es rückwärts, so daß es nicht möglich wurde, das Fahrzeug zu fassen. Die Kunde von diesem Wunder war bis zum Bischof gedrungen, der sich selbst an den Rhein begab, um sich von der Wahrheit der Sache persönlich zu überzeugen; ja, die ganze Bevölkerung von Mainz war ans Ufer geströmt, um das seltsame und unerklärliche Schiffchen zu sehen.
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Große Bleiche zu Mainz.
Natürlich waren auch dadurch Juden an den Rhein gekommen, welchen zum großen Erstaunen der Menschenmasse das Fahrzeug zutrieb; wollten aber Christen nach ihm greifen, so wich es jedesmal zurück, so daß man augenscheinlich sah, daß das Schiff nur zu den Juden wollte. Der Bischof gestattete nun den Juden, das Schiff ans Ufer zu bringen, um zu sehen, was m ihm sei; daraufhin haben sie das Fahrzeug an Land gebracht und in ihm einen Sarg mit einem Toten in jüdischem Totenhemd und einem dabei liegenden Brief folgenden Inhalts gefunden: »Meine lieben Brüder und Freunde, ihr Juden der heiligen Versammlung zu Mainz; ich bin zu euch gekommen, denn ich bin in der heiligen Versammlung zu Köln gestorben und begehre, daß ihr mich bei meinen Eltern begraben mögt, welche auch in Mainz liegen, und wünsche euch viel Glück und langes Leben. Dieses begehrt der Amram.« Die Juden brachten nun den Sarg an Land, allein die Christen wandten sich alsbald gegen die Juden, um ihnen den Sarg zu nehmen, konnten ihn aber nicht von der Stelle bringen. Der Bischof befahl nun, den Sarg allda verwahren, daß er nicht von den Juden weggeführt werde, und ließ über den Sarg eine Krypta, von welcher man früher glaubte, sie habe der hiesigen St. Emmeranskirche Ursprung und Namen gegeben, erbauen, welche gewaltig groß war. Alle Bitten der Juden, den Sarg zu erhalten, waren vergeblich. Indessen gelang es jüdischen Studenten in Mainz, durch List die Leiche des Rabbi Amram nachts hinwegzubringen und seinem letzten Wunsch zufolge neben seinen Eltern auf dem hiesigen Friedhof zu beerdigen.