Der Patriotismus der Mainzer
Die Geschichte der Einnahme und Wiedereroberung von Mainz im Jahre 1792 und 1793 lehrt, daß das allgemein verbreitete Gerücht von dem Pseudopatriotismus der Mainzer diesen unseren treuen Landsleuten sehr Unrecht getan hat. Ich teile Ihnen zur Unterstützung dieser Behauptung unter anderm folgende Stellen mit:
Die Abgeordneten des französischen Nationalkonvents hatten den 24. Februar 1792 zu dem wichtigen Tag anberaumt, an dem sämtliche männliche Einwohner zu Mainz, die das 21. Jahr erreicht hatten, und deren es etwa 14000 sein mochten, bei Verlust ihres Vermögens in den hiesigen Kirchen erscheinen sollten, um der deutschen Reichsverfassung abzuschwören und der französischen Freiheit und Gleichheit feierlich zu huldigen. Ein für alle rechtlichen Bürger furchtbarer Tag! Aber wer an demselben in den hiesigen Kirchen nicht erschien, das waren die Mainzer. Todesstille herrschte in der ganzen Stadt; alle Bürger hielten sich verschlossen; selbst keine Magd und kein Kind ließ sich sehen, indem man Tags vorher den häuslichen Bedarf schon hatte einholen lassen; oder man entbehrte lieber, um die fest verschlossenen Häuser nicht öffnen zu müssen. Auf den Straßen sah man nur Franzosen, Klubisten und einige wenige Zaghafte, welche die Furcht vor dem angedrohten Verlust des ganzen Vermögens in die Kirche trieb. In allen zum Schwüre angewiesenen sechs Kirchen fanden sich von jenen 14000 schwurfähigen Mainzern nur 260 ein, welche, der Vorschrift gemäß, schwuren: »treu zu sein dem Volke und den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit«. Heil den deutschen Städten, in welchen der räudigen Schafe nur so wenige sind! Unter diesen Umständen muß es dann freilich ungemein schmerzhaft für jeden redlichen Mainzer sein, wenn er sich von den deutschen Mitbürgern verkannt und Beschuldigungen und Vorurteile in der Welt verbreitet sieht, welche ihn in einem gehässigen Licht zeigen, ihn, der seiner Treue für deutsche Verfassung Haus und Hof, Vermögen und Ruhe aufzuopfern bereit war!

Ansicht von Mainz im 19. Jahrhunden. Gezeichnet von R. Satler, in Stahl gestochen von H. Winkles. Aus: Adelheid von Stolterfoth, Der malerische Rheingau. Mainz 1844