Die Schleppe der Mainzerin

 

Als in Mainz einmal ein Priester in der Kirche umherging, um die Gemeinde mit Weihwasser zu besprengen, fand er an der Kirchentür eine Dame, die war wie ein Pfau geputzt, und ihr Kleid war voll bunter und

Die Stephans-Kirche. Stahlstich von]. H. Lekeux. Aus: Adelheid von Stolterfoth, Der malerische Rheingau. Mainz 1844


goldener Stickereien und hatte eine überaus lange Schleppe. Wie der Priester diese Schleppe besah, merkte er, daß eine Menge kleiner Teufelchen darauf saß, klein wie die Rollmäuse und schwarz wie die Mohren; sie lachten und kicherten, klatschten in die Hände und zappelten wie Fische im Netz. Da beschwor der Priester die Teufelchen, sie sollten sich nicht von der Stelle rühren, rief das Volk zusammen und zeigte mit dem Finger auf die Schleppe. Und weil er ein guter und frommer Mann war, so hatte sein Gebet die Wirkung, daß alles Volk die kleinen Teufelchen erblickte. Die Dame wurde purpurrot und eilte alsbald nach Hause, um andere Kleider anzulegen. Aber unterwegs lief ihr alles nach und zeigte auf die Teufel­chen, welche zum Gelächter der Leute fortfuhren zu kichern, zu klat­schen und zu zappeln. Seitdem kamen bei den Mainzer Damen die Schleppen für lange Jahre aus der Mode, nur in der letzten Zeit glauben viele Mainzerinnen nicht mehr an Teufel und haben sich wieder Schleppen angeschafft.

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