Die Pest in Mainz
Im Jahr 1349 raste die Pest, trauervoll und erbarmungswürdig, fast durch die ganze Welt. In Mainz starben an dieser Krankheit mehr als 6000 Menschen, so daß dort wie in anderen bedeutenden Städten an einem Tag mehr als 300 Menschen der Reihe nach in einen Graben gelegt wurden und man es mit genauen Zahlen nicht festhalten konnte. Überall war Schrecken, überall Wehklagen, überall der Tod vor Augen, und die Menschen gingen umher, wie wenn sie schon tot oder von Sinnen wären, durcheinander von der allergrößten Furcht vor einem plötzlichen Tod, den jeder vor Augen sah.
Die Schuld an diesem Übel wurde den Juden aufgebürdet, weil sie nämlich den Brunnen oder die Luft vergiftet hätten, und dadurch kam es zu einer allgemeinen und schweren Verfolgung durch die Christen. In verschiedenen Teilen der Welt sind, sobald eine derartige Meinung gegen sie verbreitet wurde, die einen elendiglich erdrosselt, andere ertränkt, andere enthauptet, verbrannt oder mit Schwertern oder Lanzen durchbohrt, und wieder andere durch Folterungen jeder Art dahingerafft worden. Nicht wenige von ihnen haben, als sie sahen, daß sie im Verderben saßen, zuerst ihre Kinder und Frauen umgebracht, damit sie nicht in die Hände der so grausam rasenden Christen kommen sollten, und sich samt ihren Häusern und Wohnungen, indem sie Feuer legten, selbst verbrannt. Diese Judenverfolgung hat in dem genannten Jahr begonnen und zwei Jahre gedauert, ob sie aber mit Recht oder zu Unrecht durchgeführt wurde, ist nicht unsere Sache zu entscheiden. Freilich will es uns nicht wahrscheinlich vorkommen, daß sie alle Quellen der Welt hätten vergiften können, auch wenn sie gewollt hätten. Wir erinnern uns an ein griechisches Sprichwort und stellen die Entscheidung Gott anheim, der nicht zu täuschen ist und sich nicht irren kann.

Mainz. Kupferstich von Daniel M eisner, Politisches Schatzkästlein. I. Buch 1. Teil. Frankfurt 1625