Die Flucht des Mainzer Adels

 

Unbeschreiblich ist der Schrecken, der seit dem Bekanntwerden der Nachricht, die Revolutionstruppen näherten sich der Stadt, unter dem Adel in Mainz, der dortigen Geistlichkeit und den daselbst noch zahlreichen französischen Emigranten herrschte und ihnen eher keine Ruhe ließ, als bis sie sich sämtlich aus dem Staube gemacht hatten. In keines edlen Mainzers Seele kam der Gedanke: Widerstand; jeder dachte zuerst an Rettung seines Eigentums, als hätte er vom Staat und seinen Pflichten gegen ihn im Zeitpunkt der gemeinschaftlichen Not und Gefahr in seinem Leben nichts gehört.

Die Vornehmen, die vor einiger Zeit auf Verlangen des Kurfürsten ihre Gespanne hatten hergeben müssen, um einige Kanonen auf die Wälle zu schleppen, ließen jetzt damit ihre Weine, ihren Hausrat, ihre Kostbarkeiten, mit einem Wort ihre ganze bewegliche Habe an das Rheinufer führen und nahmen zuletzt den Weg über die Brücke nach Frankfurt und anderen entlegenen Orten. Mehr als 200000 Gulden gingen zur Bestreitung dieser schleunigen Reise aus den Koffern der Fliehenden in die Hände der arbei­tenden Klassen - und mit der Hälfte dieser Summe hätte man Mainz in ei­nen Verteidigungszustand gesetzt, der es vor dem Angriff eines fliehenden Corps vollkommen sichern konnte!

Die reichen, mit Edelsteinen und Perlen gestickten Infule und Meßgewänder, die Bischofsstäbe, Altargeräte, Heiligenbilder von kostbarem Metall und alles, was unter dem Namen des Domschatzes mehrere Millionen an Wert betragen soll, ließen die anwesenden Kapitularen einpacken und nach Düsseldorf bringen. Das große hier befindliche Reichsarchiv samt einem Teil des Mainzischen und einige dem Staat gehörige Kassen mußten unter Aufsicht der Archivare und Finanzbeamten denselben Weg nehmen. Zuletzt kam der Kurfürst selbst von Aschaffenburg herüber, und um die guten Bürger über die Gefahr einer Belagerung vollends zu beruhi­gen, ließ er in Eile seine kostbarsten Effekten fortschaffen und reiste im Dunkel der Nacht, in einer Kutsche, woran er die Wappen hatte auslöschen lassen, an einen sichern Zufluchtsort. Noch fehlt aber das beste: Kaum hatte der Adel und die hohe Geistlichkeit ihre Kostbarkeiten gerettet, so erging ein strenges Verbot, das allen übrigen Einwohnern die Nachahmung bei schwerer Ahndung untersagte. Die letzte Zuckung des sterbenden Despotismus war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit mehr!

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