Der Fiedler von Mainz

 

An einem kalten Wintertag zog durch die Straßen von Mainz ein armer Spielmann, vor Kälte und Hunger zitternd. Schwermütig und kummervoll spielte er seine Geige, aber niemand achtete auf ihn, keine Spende wurde ihm zuteil. Trostlos lenkte er seine Schritte zum Dom, wo die Andächtigen zahlreich vor dem Muttergottesbild knieten. Nach und nach verläßt die Menge die Kirche, alle gehen an dem hungernden Spielmann vorüber, ohne ihm ein Almosen zu spenden. Da wirft er sich vor dem Gnadenbild der heiligen Jungfrau Maria nieder und verrichtet ein inbrünstiges Gebet. Und als er geendet und seinen Blick zum Gnadenbild em­porgehoben, da glaubte er ein huldvolles Winken auf dem verklärten Ant­litz der heiligen Jungfrau zu erblicken. Seine ganze Kraft kehrt zurück, neuer Mut und Hoffnung beleben ihn. Und als er endlich die heilige Stätte verlassen will, da fällt plötzlich einer der beiden goldenen Pantoffeln, welche am Fuß des Muttergottesbildes von einem frommen Verehrer niedergelegt waren, vor ihn hin. Mit dem Schatz eilt er aus der Kirche, um durch Verwertung desselben seinen großen Hunger stillen zu können. Er findet bald einen Goldschmiedladen, wo er den goldenen Schuh zum Verkauf anbietet. Der Goldschmied hat aber sofort Argwohn, wie der zerlumpte Spielmann in den Besitz des wertvollen Gegenstandes gekommen sei, erkennt auch den Pantoffel des Muttergottesbildes und vermutet natürlich einen Diebstahl. Auf sein Befragen erklärt der Fiedler, daß der Pantoffel aus dem Dom sei und ein Geschenk der heiligen Jungfrau. »So!«, sagte der Goldschmied, »also noch gar ein Kirchenraub«, ergriff und überlieferte ihn den Häschern, die den armen Fiedler vor den Richter führten. Die Untersuchung ist rasch beendet, und der Fiedler wird zum Tode verurteilt, denn er gestand selbst, daß der Pantoffel aus dem Dom sei, und an ein Wunder wollte man nicht glauben. Einige Tage später wurde der arme Fiedler auf den Speisemarkt geführt, wo das Schafott seinem unschuldigen Leben ein Ende machen sollte. Da fällt sein Blick auf die Domkirche und der Gedanke: die Muttergottes hat dir einmal geholfen, sie wird dich auch jetzt nicht im Stich lassen, gibt ihm neue Hoffnung. »Gewährt mir eine letzte Bitte«, sagte er zu den Richtern, »laßt mich noch einmal in den Dom gehen und mein Gebet verrichten. So ich ein Verbrechen begangen haben sollte, will ich vor dem Gnadenbild Buße tun, bevor ich aus dem Leben scheide.« Die Bitte wird ihm gewährt. Als der Spiel­mann an dem Muttergottesbild angekommen, wirft er sich inbrünstig nieder, ergreift seine Geige und stimmt ein sinnend Lied an, das auf die Anwesenden einen tief ergreifenden Eindruck machte und Mitleid mit dem Verurteilten erweckte. Nachdem der Fiedler sein frommes Lied beendet hatte, stand er auf. Siehe, da glaubte er zum zweiten Male einen huldvollen Blick aus dem hohen Antlitz der heiligen Jungfrau wahrgenommen zu haben. Im gleichen Augenblick löst sich etwas an dem Bild und fällt unmittelbar vor ihm nieder. Die Anwesenden treten mit Erstaunen und Verwunderung zurück ... der andere Schuh der heiligen Jungfrau lag vor den Füßen des Fiedlers. Da zweifelte niemand mehr an einem Wunder, das Gott an dem hart Bedrängten geschehen ließ. Das Volk führte ihn im Triumphzug zurück, die Richter sprechen seine Unschuld und Freiheit aus. Die Geistlichkeit der Domkirche löste die beiden Pantoffeln gegen eine hohe Summe ein, womit der Fiedler sich eine sorgenlose Zukunft verschaffte.

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